Ja, ich habe ein Auto. Ja, ich bin damit jahrelang in die Arbeit gefahren. Sei es quer durch Wien, aus der Stadt zum Flughafen, von Wien nach Baden. (Ja, ich hatte einige Jobs.)
Ich verstehe Pendler, die lieber am Land wohnen. Zumindest den Teil mit „am Land wohnen“. Ich verstehe Menschen, die möglichst Abstand zur Arbeit wollen. Ich verstehe es prinzipiell, dass man im Beruf auf ein Auto angewiesen ist. Und damit meine ich nicht nur Transportunternehmer und Taxifahrer (was irgendwie auf das Gleiche kommt).
Ich hatte letzten Sommer das Glück in die Nähe meines Arbeitsplatzes ziehen zu können. Anstatt 45 Minuten mit dem Auto oder gute 60 Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt zu pendeln, habe ich nur noch 15 Minuten Fußweg. Schlagdistanz quasi.
Was bringt mir das? Nun, seit letzten September hat mich die Tankstelle zwei Mal gesehen. Und vom zweiten Mal tanken (Mitte Februar) hab ich erst 20% Sprit verbraucht. Ich brauche fünf Mal im Monat die Wiener Linien. In letzter Zeit zwar vermehrt, aber die kommende Jahreskarte tut mir nicht weh und ist eine Überlegung wert.
Mein Auto steht in der Garage. Ich muss keinen Parkplatz suchen, keine Parkscheine ausfüllen, auch künftige Parkpickerl interessieren mich nicht. Mir ist es dermaßen egal, dass ich nur merke, dass Änderungen im Kommen sind, wenn sich Menschen, Medien und Populisten wieder echauffieren.
In meinem Job muss ich mich aber mit diesen Sorgen herumschlagen. Steigende Treibstoffpreise, Parkpickerl-Zonen in der ganzen Stadt und nicht mehr nur den inneren Bezirken, Parkplatzsuche, weil wieder riesige Baustellen aufgestellt wurden, was auch immer. Es ist mir so egal. Es geht dermaßen spurlos an mir vorbei, dass ich nach über einer Dekade Autofahren sogar ob der aktuellen Benzinpreise überrascht bin. Wenn Menschen ihre Sorgen äußern oder nicht mehr wissen, wie sie innerhalb einer Großstadt mit einem der bestausgebauten öffentlichen Verkehrsmittel von A nach B kommen, muss ich mir das anhören.
In Österreich hieß es an den Stammtischen, dass wenn der Liter Benzin einmal zwanzig Schilling – unsere alte Währung – kostet, lassen die Leut ihre Autos stehen. Nun, das waren rund 1,40 Euro. Und sie fahren immer noch jeden scheiß Meter mit ihren rußenden Karren. Sie pudeln sich auf, dass man überlegt Diesel höher zu besteuern, was ihm den Preisvorteil gegenüber Benzin nimmt. Das Argument seitens der Regierungen ist die höhere Energiedichte, das der Tankstellenpächter ist die hierzulande (wir sind ein Land der Stinker und Rußer) die gewaltige Nachfrage. Diesel ist – noch – günstiger (wobei es vereinzelt auch schon anders war), Diesel-PKW verbrauchen weniger.
Dieselruß frisst sich überall fest. Partikelfilter hin oder her, die Kleinstpartikel, die, die wegen ihrer Größe technisch nicht mehr gefiltert werden können, landen in unseren Lungen. Das Gesundheitssystem wird es Euch danken. Egal, Hauptsache billig.
Ich möchte schreien „NEHMT DIE STRASSENBAHN! GEHT ZU FUSS! FAHR MIT DEM FAHRRAD!“. Aber die Leute sind zu faul ihren Arsch zu bewegen, mehr als zwei Straßenzüge zu Fuß zu gehen, einmal einen Einkauf zu tagen. (Jaja, tragen, das böse Wort.)
Worin liegt der Sinn sich anderthalb Tonnen Stahl anzuschaffen, Steuern für 150PS aufwärts zu zahlen, eventuell noch Parkgebühren in welcher Form auch immer, damit am Ende irgendwas zwischen 60kg und 150kg Mensch darin für einen Parkplatz wie ein Geier kreist (weil auch das bewegt die Menschen nicht zum umdenken)?
Worin liegt der Sinn, sich am Land ein günstiges Grundstück zu kaufen, ein Haus zu bauen, um dann entweder umständlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln (die am Land bei weitem nicht so gut ausgebaut sind, wenn es um Intervalle und Anbindungen geht) oder teuer mit dem eigenen Auto in die Stadt zur Arbeit zu fahren? Wobei: streicht das „fahren“, die täglichen Staumeldungen lassen eine gewisse Lernresistenz seitens der Autofahrer vermuten. Aber in Kulturkreisen, in denen Männer von ihrem besten Stück in der dritten Person reden, aber mit „ich steh‘ ums Eck“ eigentlich das Auto meinen… Was soll man sagen?
Warum habe ich noch ein Auto? Falls ich mal wirklich verreise (Bled, Salzburg) oder falls ich mal etwas wirklich Großes transportieren muss/möchte (meine Gartenmöbel zB haben in den italienischen Kompaktwagen gepasst). Und weil ich der Meinung bin, dass es insgesamt sinnvoller ist, das Auto, solange es noch funktioniert, zu nutzen, als es wegzuwerfen. Immerhin ist der Abfalls auch eine Belastung.
Ist es wirtschaftlich sinnvoll für die paar Fahrten im Jahr für ein Auto zu zahlen? Vermutlich nicht, aber gesünder als es ständig zu nutzen, damit es sich „auszahlt“, ist es auf jeden Fall. Er hält damit insgesamt auch länger. Und ist mein Kleiner erst mal Geschichte, kommt mir, so ich keinen totalen Lebenswandel erfahre, kein neues Auto mehr in die Familie.
Ich habe eingangs erwähnt glücklich zu sein, nicht mehr zwei Stunden täglich in den Öffis für die Fahrt in die Arbeit und nach Hause verbringen zu müssen. Man mag mir jetzt Doppelmoral unterstellen, weil ich danach gegen PKW und für öffentliche Verkehrsmittel bin. Der Hintergrund ist folgender: ich bevorzuge die öffentlichen Verkehrsmittel, weil ich damit von daheim stets rasch in die Zentren der Stadt (Einkaufsstraßen oder die richtige Stadtmitte) komme. Aber ich kann die Zeit, die ich NICHT in die Arbeit fahren muss länger schlafen bzw. bin ich früher daheim, was dann recht angenehm ist, wenn man abends noch vor hat auszugehen. Und dann bringen mich die Wiener Linien zu den Veranstaltungsorten und wieder nach Hause.
Nachtrag:
Nachdem der Beitrag zu einigen Diskussionen in meinem privaten Umfeld geführt hat (genauer wurde ich ziemlich angezapft, weil die Leut richtig Angst um ihr Auto haben), stelle ich zwei kurze Texte als Erweiterung herein:
Man lege das – http://charley-lo.tumblr.com/post/10847334417 – mal auf die Stadt um, auf den hoch gelobten Individualverkehr. Das ginge auch auf dem Land. Auch die kürzeren intervalle wären machbar. Würde man das Geld, das fürs Zweit- und Drittauto draufgeht, das man dann nicht mehr bräuchte, auch nur zum Teil für Öffitickets (Stichwort Jahreskarten) ausgeben, wäre das auch auf dem Land umsetzbar.
Mein Auto kostet mich im Jahr 430 Euro an Steuer und Versicherung, fast 1000 Euro für den Parkplatz und vielleicht noch mal 200 bis 250 Euro für Benzin. Dabei fahre ich praktisch nix, das Auto hat schlappe 80PS und ist komplett abbezahlt, also kein Leasing oder Kredit mehr. Immer noch horrende Summen.
Der Legende nach hat der Milchpreis stärker angezogen als der Treibstoffpreis. (Hab beim Amt für Statistik noch nicht angerufen.) Warum gibt‘s da keinen Aufschrei? Weil niemand täglich fünf bis zehn Liter Milch in sich hinein schüttet. Und selbst das wäre noch umweltverträglicher als Benzin oder Diesel zu verbrennen.
„Gefahren wird immer“ stimmt insofern, als dass auch ich, der de facto kein Auto braucht, es noch immer nutze. Und wenn der Arbeitsplatz mal umzieht hab ich es zwar weiter ins Büro, aber auch das schaffen die Öffis.
Zwischen „ich hab einen Beruf, der mich zwangsweise weit von meinem angestammten Wohnort wegbringt“ und „ich ziehe jetzt mal 50km und mehr von meinem Arbeitsplatz weg“ ist ein Unterschied. Ersteres ist mit Öffis und gutem Willen (von allen Seiten!) zu bewerkständigen, letzteres ist Quatsch und fällt in die Kategorie SSKM.
Jedes Auto muss gebaut werden, wird zum Kunden transportiert, am Ende verschrottet, die Flüssigkeiten werden entsorgt und es wirkt sich im Betrieb negativ auf die Umwelt aus. Neue Autos haben im Betrieb unter anderem dank sparsamer(er) Motoren einen geringeren Impact. Daher kann man ungefähr ein Alter ansetzen, ab wann ein neues in Summe eventuell umweltverträglicher ist als ein altes. Diese Grenze wurde in Österreich mal mit 13 Jahren definiert. Daher das Alter als OK für diese Prämie.
Die Abwrackprämie hatte aber auch das Ziel, die Autoindustrie am Beginn der globalen Wirtschaftskrise zu stützen. Das wäre geschafft. Der Markt bricht zwar wieder ein, vor allem in den gehobeneren Fahrzeugkategorie sind 50% und mehr der zugelassenen Fahrzeuge Firmenautos, wo die Angestellten nicht auf den Verbrauch achten (man zahlt es ja eh nicht), aber egal.
Welcher Markt bringt so viel Wirtschaftsleistung? Ich würde mal sagen: jeder, den man lässt. Jeder muss essen. Wäre doch was. Jeder will wohnen. Auch da gibt‘s Mittel und Wege. Computer sind auch nicht schlecht nachgefragt. Wir können natürlich vom hundertsten ins tausendste, nur vernachlässigen wir das Problem.
Das Erdöl ist keine unbegrenzte Ressource (das wissen wir), seine Verbrennung ist schädlich (das wissen wir auch), Angebot und Nachfrage, der berühmte „Markt“, der den Preis regeln soll, treibt selbigen in die Höhe (eh klar), der Bürger regt sich zwar auf, schimpft auf „die dort oben“ und fährt fünf Minuten zur Trafik um sich sich Zigaretten zu holen. Diese Taktik haben manche sogar zum Parteiprogramm erhoben.
Angeblich gibt es Patente für Motoren, die ohne Öl auskommen, unter anderem weil neue Materialien verwendet werden würden. Die wurden – so die Legende – von Ölfirmen gekauft und liegen in der Lade. Aber egal. Die berühmten Kosten für die Rettung des Klimas könnte man sich doppelt sparen nämlich zum einen auf Seiten der Regierung und zum anderen, wenn die Menschen bei sich anfingen.
Sinngemäß: „wenn Du die Welt ändern willst, dann fange an, indem Du Dich selbst änderst und bist, wie Du es für richtig hältst.“ Das Zitat geistert zur Zeit durch diverse Blogs.
Also wo setzen wir an um das Problem zu lösen? Wiener können Öffi fahren. Spart mehrere hundert Euro im Jahr. So ein Zweitauto für die Familie überflüssig wird, sogar mehrere tausend Euro. Da geht sich sogar ein Flug in den Urlaub aus.
Am Land würde ein Auto pro Haushalt reichen, wenn man bereit ist, mit dem Geld über den Weg der Fahrkarten ein ausgebautes Netz an öffentlichen Verkehrsmittel zu finanzieren. Auch in Wien muss man, wenn man Pech hat, drei/vier Mal umsteigen. Würde am Land auch so laufen.
Im Grunde geht es hier um meine Meinung, meine Einstellung, meine Erfahrungen und ab und an kommen ein paar Überlegungen dazu, wie man gemeinsam besser wegkommt. Dass so krampfhaft versucht wird, mir das Auto als Heilmittel wieder einzureden, verstehe ich nicht. [Hier stand eine direkt an den Diskussionspartner gerichtete Stellungnahme.] Mir persönlich ist es zu blöd geworden meine Zeit im Auto zu verbringen. In der Straßenbahn kann ich wenigstens noch lesen.
Ich verstehe meinen Job so, dass es um Mobilität geht. Das hat mit Radfahrern angefangen, ist mittlerweile bei den Autofahrern gelandet, die, wie schon erwähnt, daran festhalten, als wäre es überlebensnotwendig, das geht hin zu Kooperationen bezüglich Elektrofahrräder und wenn uns in Zukunft kein Verbrennungsmotor mehr mobil hält, werden wir uns (hoffentlich) auch anpassen.